May 2006

Monatliches Archiv für May 2006.

Der IBKA schreibt:

Gerne schmücken die Kirchen sich mit ihrem sozialem Engagement, tatsächlich schießen sie magere 1,8 % an ihre Wohlfahrtsverbände zu. Der Löwenanteil von 98 % wird aus Beiträgen, Leistungsentgelten (= Zahlungen der Krankenkassen oder Pflegeversicherung) und aus allgemeinen Steuermitteln bestritten. Nicht die Kirchen, sondern der Steuerzahler kommt für Krankenhausbau etc. auf.
Aber werden Pflege oder Kinderbetreuung dank Kirchensegen qualitativ besser? Der Hamburger Wissenschaflter Dr. Carsten Frerk ging auch dieser Frage nach – und entdeckte z.B. ein deutlich höheres Maß an Mobbing als in vergleichbaren Firmen. Auch rechtlich stellt sich die Arbeitssituation in den Kirchenorganisationen kritisch dar: die Arbeitgeber regieren ins Privatleben hinein, bis ins Schlafzimmer! Denn unverheiratete Liebschaften – egal, ob hetero- oder homosexuell – liefern einen Kündigungsgrund. Eine Scheidung ist gleichfalls Kündigungsgrund.

Das erstaunliche dabei ist wohl nicht, dass Kirchen reaktionär sind, sondern dass die Rolle der “Wohlfahrtsverbände” so wenig bekannt ist. Die kirchliche Propaganda funktioniert wohl recht gut.

Ich zahle keine Kirchensteuer, weil es soetwas in Schweden nicht gibt. Trotzdem nagte es seit langem an mir, dass ich noch Mitglied der katholischen Kirche war. Schließlich taucht man somit in jeder Statistik auf und lässt zu, dass Kirchenvertreter für sich in Anspruch nehmen, seine Meinung zu vertreten.

Doch damit ist es jetzt vorbei. Es war nicht ganz einfach herauszufinden, wer eigentlich zuständig ist, aber als ich vor zwei Wochen meine Familie in Deutschland besuchte, konnte ich an meinem letzten deutschen Wohnsitz aus der Kirche austreten. :-)

Die innerhalb der letzten Stunde hier eingestellten Artikel habe ich nicht im Rekordtempo geschrieben, sondern es handelt sich um meine älteren Texte zum Thema, die zuvor schon auf www.blogressiv.de veröffentlicht waren. Wer das Englische nicht scheut, kann auch meine noch älteren kurzen Beiträge zu Philosophie und Religion lesen.

Ab sofort geht es mit neuen Inhalten weiter…

Auf tagesschau.de gelesen:

Bayerns Ministerpräsident Stoiber [plant] ein hochrangiges Treffen, auf dem “ein wachsendes Bedürfnis nach einer stärkeren Achtung religiöser Gefühle” diskutiert werden solle.

Soetwas zu lesen gehört zu den seltenen Gelegenheiten, in denen ich einen Anflug von Agressivität verspüre. Was bitteschön ist mit meinem wachsenden Bedürfnis, von Religionen nicht länger belästigt und eingeschränkt zu werden?’

(Ed: Dieser Text wurde zuerst auf blogressiv.de veröffentlicht und dort finden sich eventuell weitere Kommentare.)

Meine völlige Zustimmung findet die Stellungnahme des IBKA zu Zensurforderungen der Serie Popetown. Ein Auszug:

Besonders besorgniserregend sind Bestrebungen, den Paragraph 166 des Strafgesetzbuches zu erweitern, um in künftigen Fällen ein noch effektiveres Zensurinstrument zur Hand zu haben. Schon jetzt unterliegt dieser Paragraph der verqueren Logik, ansonsten straffreie Äußerungen – also solche, bei denen die Strafbestimmungen zu Beleidigung, Verleumdung usw. nicht greifen – dann zu kriminalisieren, wenn Gläubige gegen diese gewaltsam agieren könnten. Eine derartige Sondervorschrift, welche nicht die Androhung von Gewalt, sondern die dadurch Bedrohten bestraft, belohnt das Faustrecht von Fanatikern, hat somit in einer offenen Gesellschaft keine Rechtfertigung und gehört daher nicht auch noch erweitert, sondern endlich abgeschafft.

(Ed: Dieser Text wurde zuerst auf blogressiv.de veröffentlicht und dort finden sich eventuell weitere Kommentare.)

Das mit dem Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ist doch eigentlich ganz einfach: Sobald es irgendeine Überprüfbarkeit der Aussagen gibt, verlieren Religionen und anderer Aberglaube jede Debatte gegen jemanden, der nachschaut, nachfragt oder nachmisst. Jahrhundertelang haben Menschen nach einem Gottesbeweis gesucht und das Ergebnis ist nichtig, wenn man den Maßstab der Überprüfbarkeit anlegt.

Leute, die sich lange damit beschäftigt haben, wissen das, und hüten sich, überprüfbare Aussagen zu machen. Solange sie sich nur zu Dingen äußern, die man halt entweder glaubt oder nicht, sind sie unangreifbar. Sogar die katholische Kirche sieht das ein und erkennt vielerlei wissenschaftliche Erkentnisse an. Das ist ihr aber nicht wirklich zu Gute zu halten, denn sie will natürlich ihre Stellung und ihren Einfluss wahren weiß ganz genau, dass sie verliert, wenn sie sich auf überprüfbares Terrain begibt.

Einen Haken hat die Sache aber leider: Menschen lassen sich nicht notwendigerweise von guten Argumenten überzeugen. Dass sich also rationale Argumente mit der Zeit schon durchsetzen, ist nicht zwingend, wird aber leider von vielen, die Aberglauben ablehnen, resignierend angenommen. Wenn dem aber so wäre, gäbe es schon heute keine Religionen mehr, die versuchen, ihre irrationalen Lehren gegen aufklärerisches Denken zu verteidigen. Es gibt sie aber, vielleicht deswegen.

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Telepolis schreibt als Untertitel zu Ungeliebte Evolutionstheorie:

In den USA sagen mehr als die Hälfte der Menschen, dass Gott die Menschen so geschaffen hat, wie sie jetzt sind, in Deutschland glauben dies bislang nur 12 Prozent.

Bislang nur? Ist es jetzt schon ein unausweichlicher Trend, dass mehr und mehr Leute Evolution ablehnen? Zumindest wird es mit diesem Satz so dargestellt. Bläh!

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Es gibt den §166 im StGB, der besagt, dass bestraft wird, wer

den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer [... oder …] eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Ich bin zwar kein Anwalt, aber ist es nicht seltsam, dass es nur unter Strafe steht, wenn es die öffentliche Ordnung stört? Das heisst doch, dass z.B. eine Religionssatire erst dann und dadurch strafbar wird, wenn sich eine Gruppe Gegner findet, die sich darüber aufregt und die öffentliche Ordnung stört. Eine solche Gruppe kann also willkürlich einen Künstler bestrafen lassen, anstatt selbst bestraft zu werden?

Dessen nicht genug: Der, der zum Glück nicht Bundeskanzler wurde, fordert einmal wieder eine Verschärfung des Paragraphen:

[Stoiber stellt] die Frage, “ob wir nicht zu gleichgültig sind gegen Provokationen, mit denen die religiösen Gefühle verletzt werden. Wir nehmen einfach so hin, dass christliche Symbole Gegenstand von Spott und Hohn sind.” In Deutschland sei “die Verletzung von religiösen Symbolen nur dann strafbar, wenn dadurch der öffentliche Friede gestört wird, also wenn es einen Aufruhr gibt”.

Dass die CDU/CSU das fordert, scheint nicht neu zu sein, schon 2001 rief das IBKA aus gegebenem Anlass zur Abschaffung des Paragraphen auf. Auch diese Petition argumentiert für dessen Abschaffung und für eine Stärkung der Position der Religionskritiker, anstatt der Rolle der Religionen. Man kann nur hoffen, dass die Situation aus der begleitenden Zeichnung eines Tages Wirklichkeit wird und sich die Gedanken der Aufklärung endlich gengenüber religiösen Dogmen durchsetzen.

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Da befasst sich einmal jemand mit einem kleinen Artikel, den man geschrieben hat, und prompt wird man als ‘’billig’’ bezeichnet. :-)

Mag ja sogar sein, schließlich war der Anspruch keineswegs, das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Allerdings wird da behauptet, ich

[erkläre] eingangs ersteinmal jede, die die Bibel für die Worte einer höheren Macht hält, zur Fundamentalistin, die sich rationalen Argumenten verschliesst [...], um dann mit ein paar Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes “Theorie” aufzuwarten, die zumindest diese Herren und Damen von der kreationistischen Front zurecht eher wenig beindrucken dürfte.

Das kann ich natürlich so nicht stehen lassen und deshalb in aller Kürze hier ein paar Einwände:


  • Keineswegs erkläre ich Leute zu Fundamentalisten. Da werden beim freien Zitieren zwei Sätze miteinander verwurstelt. Aber richtig ist und dabei bleibe ich, dass sich rationalen Argumenten verschließt, wer ein Buch für gottgegeben hält. Nicht notwendigerweise in allen Bereichen, aber eben mindestens, wenn es um die Herkunft des Buches geht.

  • Zu den Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes “Theorie”: Sprache ist wichtig, auch für die Wissenschaft, denn sie ist unsere einzige Möglichkeit, Wissen weiterzugeben. Gerade deshalb muss man achtgeben, Begriffe zu klären, insbesondere, wenn Menschen mit unterschiedlichem Hintergrundswissen kommunizieren. Außerdem ging es mir nur darum, das eine Argument, das auf der Ausnutzung eines sprachlichen Unterschieds beruht und das im erwähnten Vorfall von der Diskussion um Evolution auf die Astronomie überschwappte, als wirklichen Allgemeinplatz zu entlarven.

  • Dass es weitere Argumente gibt, die oben genannte Herren vielleicht mehr beindrucken, kann schon sein, spielt aber keine Rolle, denn nichts lag mir ferner, als Kreationisten beindrucken zu wollen. Das ist doch der zentrale Punkt: Es tötet jede Diskussion, wenn jemand sagt “Es steht so in der Bibel, also ist es wahr”. Wenn jemand davon überzeugt ist, machen rationale Argumente eben keinen Eindruck mehr.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum eigentlichen Text von Julio Lambing. Es wird zum einen das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft angeschnitten und ich möchte insofern widersprechen, dass die Menschen (zumindest die, die in Demokratien leben) sehr wohl Einfluss darauf haben, was erforscht wird. Denn es sind ihre Steuergelder, die zum Großteil die Grundlagenforschung finanzieren, und über die üblichen Mittel der Politik und Geldverteilung wird eben auch die Wissenschaft gesteuert.

Wissenschaft als Religion ist ein weiteres Thema und ich stimme völlig überein damit, dass Wissenschaft für viele den Status einer Religion einnimmt und Menschen dementsprechende Verhaltensweisen zeigen. Eine “Desakralisierung” der Wissenschaft zu fordern ist richtig, aber umsomehr muss man dabei darauf achten, eine vehemente Verteidigung der wissenschaftlichen Methode nicht als religiöse Agitation zu werten. Denn selbst wenn man Wissenschaft als Religion betrachtet, weist sie doch einen essentiellen Unterscheid zu allen anderen auf: Wenn man allen idelogischen und dogmatischen Überbau wegwirft, bleibt bei ihr als einziger etwas übrig. Sie funktioniert nämlich.

(Ed: Dieser Text wurde zuerst auf blogressiv.de veröffentlicht und dort finden sich eventuell weitere Kommentare.)

Dieses Interview aus der ZEIT ist sehr lesenswert:

ZEIT: Sie sagen, mit der Evolutionstheorie könne man Religion so präzise analysieren wie das Verhalten von Goldfischen. Meinen Sie das ernst?

Wilson: Allerdings. Ich meine aber keinen genetischen Mechanismus wie Dean Hamer in seinem Buch The God Gene. Hamer sagt, es gebe Gene, in denen unsere Spiritualität kodiert sei. Zwar zeigen uns Zwillings- und Adoptionsstudien, dass Religiosität erblich ist. Aber die genetischen Einflüsse sind dabei erheblich komplizierter, als es das Schlagwort vom »Gottesgen« glauben macht.

ZEIT: Also dann, wie entsteht Religion?

Wilson: Religionen entwickeln sich in einem Evolutionsprozess, weil sie Überleben und Reproduktion von Menschengruppen beeinflussen. Religion ist ein symbolisches System, mit dem eine Gemeinschaft effizient organisiert werden kann. Religionstheorien gibt es schon lange, ökonomische, auch soziologische. Ich sage, Religion ist ein Produkt kultureller Evolution. Diese These haben wir an einer zufälligen Auswahl von 35 verschiedenen Glaubenssystemen überprüft – und weitgehend bestätigt gefunden.

(Ed: Dieser Text wurde zuerst auf blogressiv.de veröffentlicht und dort finden sich eventuell weitere Kommentare.)

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