Warum Religion?

Dieses Interview aus der ZEIT ist sehr lesenswert:

ZEIT: Sie sagen, mit der Evolutionstheorie könne man Religion so präzise analysieren wie das Verhalten von Goldfischen. Meinen Sie das ernst?

Wilson: Allerdings. Ich meine aber keinen genetischen Mechanismus wie Dean Hamer in seinem Buch The God Gene. Hamer sagt, es gebe Gene, in denen unsere Spiritualität kodiert sei. Zwar zeigen uns Zwillings- und Adoptionsstudien, dass Religiosität erblich ist. Aber die genetischen Einflüsse sind dabei erheblich komplizierter, als es das Schlagwort vom »Gottesgen« glauben macht.

ZEIT: Also dann, wie entsteht Religion?

Wilson: Religionen entwickeln sich in einem Evolutionsprozess, weil sie Überleben und Reproduktion von Menschengruppen beeinflussen. Religion ist ein symbolisches System, mit dem eine Gemeinschaft effizient organisiert werden kann. Religionstheorien gibt es schon lange, ökonomische, auch soziologische. Ich sage, Religion ist ein Produkt kultureller Evolution. Diese These haben wir an einer zufälligen Auswahl von 35 verschiedenen Glaubenssystemen überprüft – und weitgehend bestätigt gefunden.

(Ed: Dieser Text wurde zuerst auf blogressiv.de veröffentlicht und dort finden sich eventuell weitere Kommentare.)

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  1. marco jansen’s avatar

    “Religion ist ein symbolisches System, mit dem eine Gemeinschaft effizient organisiert werden kann.”

    Zeit, sagt Norbert Elias, sei im Übrigen auch ein symbolisches System – unter anderem. Als solches organisiere es eine Gemeinschaft effizient. Die Zeit, so Elias, brächte in der gesellschaftlichen, also ihrer symbolischen Identität einen Druck auf die Individuen und Gruppen mit sich. So tut es auch die Religion.

    Interresanter Weise sind wir in der Lage Zeit zu messen. Wir weisen also ihre Existenz nach(wieder mit einem symbolischen Werkzeug. die Uhr, die Zeiger, das Ziffernblatt), behaupten dann aber, wir hätten nie Zeit, Zeit verloren, vergeudet und beziehen zu allem Überfluss alle diese Aussagen auf uns selbst.

    Religion hat den beneidenswerten Charakter, dass man sein Selbst auf etwas anderes beziehen kann. Sowohl entschuldent, als auch in die Pflicht nehmend. Leider erlebt man im Alltag und im Abseitigen (Sekten, Fanatismus, etc) eher den Entschuldern. Diese Haltung scheint die Gemeinschaften zu stärken. Ihre Kraft liegt in dem Schuldbewusstsein. Wo ich mich entschulde muss ich jemand anderm die Verantwortung für mein TUn übergeben. In den seltesten Fällen verstehen Gläubige Menschen sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Die Abziehblider des Guten und Bösen liefern Rohmodelle zur Projektion persönlicher Schuld (auch im Sinne von Versagen)

    Hüben wie drüben, letztlich ist man selber Schuld….

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  2. Tom’s avatar

    Da hat Wilson meiner Meinung nach Recht.
    Generell bin ich ja ein “Fan” von Dawkins, aber in einem gebe ich ihm nicht Recht: Das ist seine Mem-Theorie. Man kann mit der Mem-Theorie vielleicht einiges erklären, aber ich denke, dass wir dem Ursprung der Religionen und auch ihrer Entwicklungen im Laufe der Zeit besser auf die Spur kommen, wenn wir uns dies vor dem Hintergrund der geschichtlichen Ereignisse ansehen. Und dann helfen in meinen Augen die Instrumente der Psychologie und der Gruppendynamik erheblich weiter, als Mem-Theorien. Wenn man so vorgeht, dann landet man bei Wilson. Denn kulturelle Evolution kann man nur vor dem Hintergrund historischer Ereignisse und mit den Methoden von Psychologie und gruppendynamischen Prozessen verstehen.

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