July 2006

Monatliches Archiv für July 2006.

Niels kritisiert den schon erwähnten Spreeblick-Artikel als “Plumpes Kirchen-Bashing”, weil die katholische Kirche in den selben Topf wie kreationistische Freikirchen geworfen werden.

Sicherlich kann man diese Unterscheidung machen, aber ich halte die Gemeinsamkeiten für groß genug, einen solchen gemeinsamen Topf zu rechtfertigen. In den dortigen Kommentaren steht mehr.

Livets Ord, die hiesigen Extremchristen, halten diese Woche ihre Europakonferenz (schwedisch) in Uppsala und es wird eine fünfstellige Besucheranzahl erwartet. Sogar der Parteichef der schwedischen Christdemokraten ist sich nicht zu schade, durch ein Gespräch mit dem radikalen Oberprediger auf dem Programm der Konferenz zu stehen.

Was wird auf so einem Treffen abseits der Mythenpropaganda beredet? Neueste Methoden, den säkularen Staat zu unterwandern? Wie man Kindern in den eigenen religiösen Schulen am besten das kritische Denken abgewöhnt?

Ich glaube, das ist ein guter Anlass, diesem Schandfleck von Uppsala diese Woche endlich einmal einen Besuch abzustatten…

Die SZ beschreibt in einem lesenswerten Artikel das Wiedererstarken von religiösem Dogma und den aktiv und erfolgreich geführten Kampf gegen Wissenschaft (Evolution) und aufgeklärtes Denken. Wirklich Neues erfährt man zwar nicht und in einigen Details könnte man widersprechen, dennoch ist es bei aller Kürze genug, sich erneut aufzuregen und an der Situation zu verzweifeln.

Religion ist ein Beweis für die Schwäche des Menschen, kein Argument für die Existenz Gottes. Und dass die Renaissance des Glaubens die Welt zu einem schöneren Ort gemacht hat, wird ihm Ernst niemand behaupten.

Zum Thema Intelligentes Design, dem leider nicht für alle lachhaften Versuch, göttliche Schöpfung mit Evolution zu vermischen, hat Spreeblick etwas Musik ausgegraben und verlinkt auch ein Interview mit einem Biologen, die Lage recht nüchtern analysiert und dem nur zuzustimmen ist, wenn er sagt:

Zum Glück gibt es viele vernünftige Menschen, die versuchen, dem ganzen Spuk auf alle möglichen Arten ein Ende zu bereiten: wissenschaftlich, juristisch, weltanschaulich, satirisch.

Ich habe gerade ein altes Video von Richard Feynman auf meiner Festplatte gefunden und nach kurzem Reinschauen bin ich gleich die vollen 50 Minuten hängengeblieben. Soweit ich weiß ist aus diesem Interview das Buch Vom Vergnügen, Dinge zu entdecken entstanden.

Feynman erzählt von seiner Kindheit, aber auch viel darüber, was Physik und die Welt für ihn ist. Es ist bewegend, ihm zuzuhören, und ich wurde daran erinnert, woher ich wohl einige meiner Einstellungen zur Welt habe. Zweifel als Grundeinstellung und lieber in Ungewissheit leben, als falscher Gewissheit aufzusitzen. Dazu sagt er sehr treffend:

Ich brauche keine Antwort. Ich habe keine Angst davor, etwas nicht zu wissen; in einem geheimnisvollen Universum ohne Sinn verloren zu sein – so wie es wirklich ist, soweit ich weiß, möglicherweise. Es macht mir keine Angst. [1]

Hier das ganze Video (englisch, 50min):

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[1] Im Original: I don’t have to know an answer. I don’t feel frightened by not knowing things; by being lost in a mysterious universe without any purpose – which is the way it really is, as far as I can tell, possibly. It doesn’t frighten me.

Ich komme gelegentlich auf die Kanaren, genauer gesagt auf La Palma, weil da Teleskope stehen. Nachdem man da mehrere Nächte durchgemacht und einen kleinen Fleck am Himmel beobachtet hat, ist es angenehm, einen Tag auf den fantastischen Wanderwegen zu verbringen, oder an der Küste auszuspannen, bevor man zurückfliegt. So auch Anfang April, als ich den letzten Nachmittag zeitunglesend in einem Straßencafé in Santa Cruz de La Palma verbrachte.

Auch wenn La Palma nicht so überlaufen ist wie die größeren der kanatischen Insel, so trifft man doch andere Touristen im Café und kommt ins Gespräch. Nach einiger Zeit setzten sich drei illustre Gestalten zu einem Ehepaar an den Nachbartisch und begannen laut auf Deutsch zu reden. Die drei gehörten offensichtlich zusammen und trugen auffällige Hippiekleidung – eine (nach eigener Aussage) zahnlose Alte und zwei jüngere Männer (Fotos hier, hier und hier), deren Anblick schon Spritismus und Esoterik assoziieren ließ. Ich meinte auch, dass sie mir schon bei einem früheren Aufenthalt in Los Llanos über den Weg gelaufen waren.

Ihr Gespräch am Nebentisch war nicht zu überhören. Das Touristenpaar ließ sich fröhlich beschwatzen und war offensichtlich mangels Meinung nicht recht in der Lage, den Ausführungen über spirituelle Erfahrung etwas entgegenzusetzen. Das ging soweit, dass sie sich von den dreien “analysieren” ließen, was in etwa so ablief, dass sie die Hände hielten, eine Weile die Augen schlossen und gelegentlich dabei kicherten, während sie “das Bild dieser Person empfingen”, das sie dann in Form einer Metapher erzählten. Selbige war mit einiger Menschenkenntnis recht geschickt gewählt, so dass sie auf leicht zu beeindruckende simpel gestrickte Menschen passte, einige allgemeine Sehnsüchte ansprach und das Gefühl vermittlelte, etwas Besonderes zu sein. Es war nicht schwer zu sehen, dass das Ganze geübt war.

Ich machte kein Geheimnis daraus, dass ich zuhörte. Die Zeitung lag beiseite und es gab genug Gelegenheiten, meinerseits zu kichern, teils über den Unsinn, den die drei von sich gaben, teils über die schwachen Reaktionen der Beschwatzten. Ich erwartete, irgendwann herübergebeten zu werden und freute mich darauf, einige Dinge loszuwerden, die mir während des Zuhörens eingefallen waren. Gleichzeitig war ich mir bewusst, dass das auch anstrengend werden würde, denn rationale Argumentation ist eine ziemlich andere Sprache, als da gesprochen wurde. Es gab dermaßen viel einzuwenden, dass ich wohl gezwungen sein würde, jedem Satz in mehreren Punkten zu widersprechen – schwere Voraussetzungen, trotz Uneinigkeit eine angenehme Stimmung zu behalten.

Wie erwartet, sprachen sie mich bald an, sie “spürten meine geistige Nähe” und ob ich ihnen denn nicht Gesellschaft leisten wolle. Ich sagte zu und der Spaß begann. Es lief schnell darauf hinaus, dass wir unsere Lebensphilosophien verglichen und es gab sogar recht viele grundlegende Punkte, denen ich zustimmen konnte, so zum Beispiel, dass Menschen Grundbedürfnisse nach Liebe, Freundschaft und Glück haben. Bei den Schlussfolgerungen daraus, wichen wir aber klar voneinander ab und mehrmals versuchte ich, darzulegen, dass eine Grundannahme, mit der ich mich anfreunden konnte, nicht notwendigerweise die Konsequenz haben muss, die diese Gruppe vertrat.

Der Zweifel beispielsweise, die Grundlage wissenschaftlichen Denkens, führte nach ihrer Aussage automatisch zu Verzweiflung und zu Unglück, was ich selbstverständlich vehement verneinte und erklärte, dass man es sich zu einfach macht, simple Antworten in Form von Übernatürlichem zu suchen. Dass es sehr wohl möglich ist, in permanentem Zweifel zu leben, ohne zu verzweifeln. Dass es im Gegenteil sehr erfüllend sein kann, staunend durchs Leben zu gehen, ohne eine letzte Antwort auf den Sinn des Lebens zu haben.

Wir lachten viel und das Gespräch verlief trotz notwendiger gegenseitiger Unterbrechungen sehr angenehm und unter gegenseitigem Respekt. Sie waren weit genug von dogmatischen Religionen mit personifiziertem Gott entfernt, dass es mir gelang, den spirituellen Überbau in den Hintergrund zu drängen und eine echte Diskussion darüber entstand, wie man ein gutes Leben leben führen kann. Das Touristenpaar hielt sich zurück und der Mann filmte uns. Ich glaube die drei und auch ich waren überrascht, in wie vielen Punkten ich nicht widersprach, sei es die pazifistische, agressionslose und auf Harmonie bedachte Lebensweise oder dass wir alle Teil der Menschengemeinschaft sind, die irgendwie gemeinsam über Runden kommen muss. Auch dass in der Welt, wie sie heute organisiert ist, viel Leid herrscht und allerlei schief läuft und dass viele Menschen mit dem Individualismus und Fehlen an höherem Sinn schwer zurecht kommen und unglücklich sind, ist unbestreitbar. Wiederum argumentierte ich, dass eine völlig weltliche Sicht der Dinge ausreicht, das zu erkennen und seinen eigenen Weg zu finden, damit zu leben und nicht zu verzweifeln.

Der Gemeinschaftsgedanke der Gruppe ging soweit, dass sie nicht von sich sprachen, sondern immerzu “wir” anstatt “ich” sagten. Sie wollten auch gerne, dass man sie im Plural anredet, was ich verweigerte, wenn ich mit einem einzelnen sprach und nicht die Gruppe meinte. In den eher unverbindlichen Teilen des über zwei Stunden langen Gesprächs erfuhr ich, dass wie erwartet eine Verbindung zu Indien besteht, wo sie lange gelebt haben und auch schlechte Erfahrungen gemacht haben, so dass sie jetzt auf einem eigenen kleinen Anwesen dort am Rande Europas ihr Aussteigerleben führen. Ich erwähnte auch meinen kurzen Indienaufenthalt und dass ich in Schweden wohne, worauf der jüngste der Gruppe sich als Norweger zu erkennen gab und freudig ein paar Sätze auf Schwedisch mit mir wechselte. Nachdem sie erfuhren, dass ich Astronomie betreibe hielten sie sich auch mit Aussagen über das Universum zurück.

Gesungen wurde auch, und zwar laut und garnicht schlecht. Ein hawaiianisches Lied, wenn ich mich recht erinnere, das uns aber auch nicht viel mehr Aufmerksamkeit bescherte als wir durch die lebhafte Diskussion eh schon hatten.

Natürlich kamen wir nicht zu einem gemeinsamen Endergebnis und keiner hat den anderen überzeugt. Trotzdem mochte ich diese Leute, denn sie verkörpern wohl eine der am wenigsten gefährlichen Formen von Religion und wollen keinem etwas zuleide tun. Zumindest solange nicht mehr dahinter steckt als sie preisgaben. Zum freundlichen Abschied gaben sie mir ihre Visitenkarte und darauf stand groß: Das Wunder von La Palma. Auf mein Lachen hin erklärten sie, dass die Alte selbst dieses Wunder sei. Das war übrigens ein wichtiger Aspekt, der das Gespräch angenehm machte: ich lachte unverhohlen über einige ihrer Aussagen, ohne dass sie böse wurden, und sie wiederum lachten, als ich felsenfest behauptete, dass es keine unsterbliche Seele oder etwas nach dem Tod gibt.

Die Webseite http://das-wunder-von-la-palma.com/ ist mittlerweile nicht mehr erreichbar, aber es gab dort auch nicht viel mehr als die Aussage “Wir leben so vollkommen im hier und jetzt, dass jede Website sofort veraltet.” und eine Email-Adresse. Darüber, dass Erfahrungen den Menschen prägen und ausmachen, waren wir uns auch völlig einig und dieser Nachmittag war zweifelsohne eine stimulierende und gute Erfahrung. :-)

Einer der größten “Nachteile” von Atheisten im Kampf mit Religionen ist ihre mangelnde Organisation und Zusammengehörigkeit. Das ist ganz natürlich, denn Freidenker akzepieren Autoritäten nur widerwillig, während Religion darauf basiert, dass die unten schlichtweg alles glauben, was die oben sagen. Trotzdem bilden Atheisten, Freidenker und Humanisten Vereine und ähnliches, die sich der Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts verschreiben.

Auch Konferenzen gibt es und auf einer solchen gab Brannon Braga, bekannt durch Star Trek, diese kurze Rede (mp3, 6,4MB, englisch). Darin argumentiert er, dass alle Religionen ihre Mythen und Geschichten haben, Atheismus aber nicht. Ein kleiner Auszug:

Atheismus hat per Definition keinen Bedarf an Mythologie. Atheismus ist Unglaube. Es ist die Abwesenheit von Glaube an die Existenz von Gottheiten. Wenn man darüber nachdenkt, ist es seltsam, dass wir alle heute hier versammelt sind, denn wir haben nichts zu bereden – außer unserer Überzeugung, dass Religion echt Scheiße ist, und darüber, wie wir die anderen 95% der Bevölkerung zur Vernunft bringen.

Er fährt fort, dass Star Trek als Mythologie für Atheisten herhalten kann. Das klingt zunächst lächerlich, schließlich ist es eine Unterhaltungsserie. Aber Braga führt das etwas aus und es ist natürlich richtig, dass Star Trek ohne die Action und die Science Fiction, die Vision einer Welt der Vernunft und ohne Religionen verkörpert.

Dass es lächerlich und unnötig ist, an etwas zu glauben, das es nicht gibt, und dass Probleme sich durch Vernunft und eigene Kraft lösen lassen, ist immer wiederkehrender Grundtenor bei Star Trek. Millionen von Trekkies, übereifrige Fans des Star Trek Universums, zeigen, dass die Idee mit der Mythologie für Atheisten nicht so weit hergeholt ist. Gleichzeitig finde ich, dass Verhaltensweisen dort schnell wieder religiöse Züge annehmen.

Aber ist eine Gruppe oder Bewegung, die gemeinsam eine feste Überzeugung vertritt, automatisch eine Religion? Ich -hoffe- denke nicht.

(via IBKA)

PS: Hier noch ein Interview mit Brannon Braga, das er kurz vor der Konferenz gab.
PPS: Die Diskussion nach dem Vortrag kann man auch hören (mp3) und im Freigeisterhaus wird auch darüber diskutiert.

Ich bin neulich dem IBKA, dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V., beigreten. Ich mochte die Texte auf deren Webseite und war wohl gerade einmal wieder stinksauer auf irgendeinen religiösen Mist. Vor Kurzem kam dann auch Post vom IBKA und zwar gleich richtig viel. Es wäre wohl noch mehr gewesen, wenn nicht das dünne Kuvert auf dem Postweg aufgerissen wäre.

Neben der Mitgliedsurkunde lagen allerlei Broschüren, Zeitschriften und sogar ein hundertseitiges Büchlein über die Kriminalgeschichte des Christentums. Irgendwie kam ich mir vor, als ob ich in eine neue Religion eingetreten sei und gleich mit Propagandamaterial versorgt wurde: fast 30 verschiedene Dinge mit unterschiedlichem Umfang, Aktualität und Qualität. Die Broschüren, die auf Veranstaltungen von 2004 und 2005 hinwiesen, habe ich allerdings gleich entsorgt und fragte mich, was der Sinn damit war.

Die wohl wichtigsten Beilagen waren der politische Leitfaden des IBKA, die letzten drei Ausgaben des Rundbriefes und die neuesten Materialien und Informationen zur Zeit (MIZ). Keines der eben genannten habe ich bisher gelesen, dafür die Rede von James Randi, der 2004 einen Preis vom IBKA bekam.

Ausserdem im Paket waren diverse Pamphlete zur Abschaffung des §166 (Gotteslästerung) und zur Entflechtung von Kirche und Staat, sowie Material von der Giordano Bruno Stiftung und natürlich auch zum Manifest des Evolutionären Humanismus, das der Alibri Verlag herausgibt. Letzterer ist in Aschaffenburg, meiner alten Heimatstadt, ansässig und beim Blättern fiel mir auf, dass auch die MIZ (s.o.) aus Aschaffenburg kommen. Als ich noch dort lebte, hatte ich natürlich wenig Ahnung davon, dass Aschaffenburg eine Hochburg der Humanisten ist. ;-)

Es ist natürlich als Service für neue Mitglieder gedacht und gut gemeint, aber ich war schon verwundert über den Stapel mit teilweise nutzlosem Papier, der da vom IBKA zu mir kam. An Lesestoff kann es doch niemandem Mangeln, der sich mit diesen Themen auseinandersetzt. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich missioniert…

Die Links weiter unten führen zu einem äußert sehens- oder lesenswertes Interview mit Salman Rushdie, in dem das Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft diskutiert wird. Es geht um die Mohammed-Karikaturen, religiösen Fanatismus und religiöse Verzückung, das menschliche Streben nach Transzendenz und darum, wie das Konfliktpotential abgebaut werden könnte. Gegen Ende liest er ein Stück aus den Satanischen Versen, dem Buch, wegen dessen er jahrelang von Islamisten bedroht wurde.

Das Interview auf englisch dauert 57 sehr gut investierte Minuten und findet sich entweder