Kreationismus

Artikel mit dem Schlagwort Kreationismus.

Ist dieses Blog tot? Ein wenig, schließlich kam seit April nichts Neues, aber nicht wirklich.

Der eigene Zorn über unsinnige Äußerungen wie diese kann nicht permanent sein, gerade wenn sie sich häufen. Ich stumpfe ab und eine gewisse Resignation macht sich breit darüber, dass Menschen, die ein Märchen im Biologieunterricht lehren wollen und deswegen als Spinner abgetan werden sollten, einen solchen Platz in der Gesellschaft einnehmen können, dass man ihnen überhaupt eine Bühne gibt.

Wenn jemand behauptet, intelligente Außerirdische hätten willentlich Leben auf die Erde gebracht, ist das keine Nachricht sondern höchstens ein Lächeln wert – zu Recht. Der einzige Unterschied zur biblischen Geschichte ist, dass man diese seit ein paar tausend Jahren oft genug wiederholt hat, dass Leute sie glauben und weiterverbreiten. Ein leider entscheidender Unterschied.


(YouTube DirektForce, via)

Auch wenn es nichts Neues ist, bin ich immer wieder sprachlos angesichts solcher Zahlen (englisch).

Intelligent Design Sort (IDS) ist ein Algorithmus zum Sortieren der Elemente einer Liste, einem der Grundprobleme der Informatik.

IDS basiert auf der These des Intelligenten Design und geht wie folgt:

  • Die Wahrscheinlichkeit, dass die ursprüngliche Eingabe genau in der Reihenfolge vorliegt, wie sie es tut, ist 1/(n!).
  • Das ist so unwahrscheinlich, dass es absurd ist anzunehmen, das sei Zufall.
  • Deshalb muss sie bewusst von einem intelligenten Sortierer in diese Reihenfolge gebracht worden sein.
  • Darum kann man getrost annehmen, dass die Liste schon perfekt sortiert ist, wenn auch in einer Weise, die unser naives sterbliches Verständnis von “Ordnung” übersteigt.
  • Jeder Versuch, diese Reihenfolge zu verändern, um sie mit unseren Vorurteilen in Einklang zu bringen, würde die Liste in Wirklichkeit unordentlicher machen.

    Dieser Algorithmus hat eine konstante Laufzeit, sortiert “in-place” und benötigt keinen zusätzlichen Speicher. Tatsächlich braucht er überhaupt keine suspekten technologischen Dinger. Lobt den Sortierer!

Niels kritisiert den schon erwähnten Spreeblick-Artikel als “Plumpes Kirchen-Bashing”, weil die katholische Kirche in den selben Topf wie kreationistische Freikirchen geworfen werden.

Sicherlich kann man diese Unterscheidung machen, aber ich halte die Gemeinsamkeiten für groß genug, einen solchen gemeinsamen Topf zu rechtfertigen. In den dortigen Kommentaren steht mehr.

Die SZ beschreibt in einem lesenswerten Artikel das Wiedererstarken von religiösem Dogma und den aktiv und erfolgreich geführten Kampf gegen Wissenschaft (Evolution) und aufgeklärtes Denken. Wirklich Neues erfährt man zwar nicht und in einigen Details könnte man widersprechen, dennoch ist es bei aller Kürze genug, sich erneut aufzuregen und an der Situation zu verzweifeln.

Religion ist ein Beweis für die Schwäche des Menschen, kein Argument für die Existenz Gottes. Und dass die Renaissance des Glaubens die Welt zu einem schöneren Ort gemacht hat, wird ihm Ernst niemand behaupten.

Zum Thema Intelligentes Design, dem leider nicht für alle lachhaften Versuch, göttliche Schöpfung mit Evolution zu vermischen, hat Spreeblick etwas Musik ausgegraben und verlinkt auch ein Interview mit einem Biologen, die Lage recht nüchtern analysiert und dem nur zuzustimmen ist, wenn er sagt:

Zum Glück gibt es viele vernünftige Menschen, die versuchen, dem ganzen Spuk auf alle möglichen Arten ein Ende zu bereiten: wissenschaftlich, juristisch, weltanschaulich, satirisch.

Da befasst sich einmal jemand mit einem kleinen Artikel, den man geschrieben hat, und prompt wird man als ‘’billig’’ bezeichnet. :-)

Mag ja sogar sein, schließlich war der Anspruch keineswegs, das Thema von allen Seiten zu beleuchten. Allerdings wird da behauptet, ich

[erkläre] eingangs ersteinmal jede, die die Bibel für die Worte einer höheren Macht hält, zur Fundamentalistin, die sich rationalen Argumenten verschliesst [...], um dann mit ein paar Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes “Theorie” aufzuwarten, die zumindest diese Herren und Damen von der kreationistischen Front zurecht eher wenig beindrucken dürfte.

Das kann ich natürlich so nicht stehen lassen und deshalb in aller Kürze hier ein paar Einwände:


  • Keineswegs erkläre ich Leute zu Fundamentalisten. Da werden beim freien Zitieren zwei Sätze miteinander verwurstelt. Aber richtig ist und dabei bleibe ich, dass sich rationalen Argumenten verschließt, wer ein Buch für gottgegeben hält. Nicht notwendigerweise in allen Bereichen, aber eben mindestens, wenn es um die Herkunft des Buches geht.

  • Zu den Allgemeinplätzen über die Verwendungsweise des Wortes “Theorie”: Sprache ist wichtig, auch für die Wissenschaft, denn sie ist unsere einzige Möglichkeit, Wissen weiterzugeben. Gerade deshalb muss man achtgeben, Begriffe zu klären, insbesondere, wenn Menschen mit unterschiedlichem Hintergrundswissen kommunizieren. Außerdem ging es mir nur darum, das eine Argument, das auf der Ausnutzung eines sprachlichen Unterschieds beruht und das im erwähnten Vorfall von der Diskussion um Evolution auf die Astronomie überschwappte, als wirklichen Allgemeinplatz zu entlarven.

  • Dass es weitere Argumente gibt, die oben genannte Herren vielleicht mehr beindrucken, kann schon sein, spielt aber keine Rolle, denn nichts lag mir ferner, als Kreationisten beindrucken zu wollen. Das ist doch der zentrale Punkt: Es tötet jede Diskussion, wenn jemand sagt “Es steht so in der Bibel, also ist es wahr”. Wenn jemand davon überzeugt ist, machen rationale Argumente eben keinen Eindruck mehr.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zum eigentlichen Text von Julio Lambing. Es wird zum einen das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft angeschnitten und ich möchte insofern widersprechen, dass die Menschen (zumindest die, die in Demokratien leben) sehr wohl Einfluss darauf haben, was erforscht wird. Denn es sind ihre Steuergelder, die zum Großteil die Grundlagenforschung finanzieren, und über die üblichen Mittel der Politik und Geldverteilung wird eben auch die Wissenschaft gesteuert.

Wissenschaft als Religion ist ein weiteres Thema und ich stimme völlig überein damit, dass Wissenschaft für viele den Status einer Religion einnimmt und Menschen dementsprechende Verhaltensweisen zeigen. Eine “Desakralisierung” der Wissenschaft zu fordern ist richtig, aber umsomehr muss man dabei darauf achten, eine vehemente Verteidigung der wissenschaftlichen Methode nicht als religiöse Agitation zu werten. Denn selbst wenn man Wissenschaft als Religion betrachtet, weist sie doch einen essentiellen Unterscheid zu allen anderen auf: Wenn man allen idelogischen und dogmatischen Überbau wegwirft, bleibt bei ihr als einziger etwas übrig. Sie funktioniert nämlich.

(Ed: Dieser Text wurde zuerst auf blogressiv.de veröffentlicht und dort finden sich eventuell weitere Kommentare.)

Religiöser Fundamentalismus ist schlecht. Wer ein Buch — sei es die Bibel oder der Koran — für die Worte einer höheren Macht hält, verschließt sich rationalen Argumenten. Soetwas gibt es nicht nur in der arabischsprechenden Welt, sondern auch in westlichen Ländern. Zum Beispiel gibt es hier in Uppsala, mitten im eigentlich äußerst säkularen und atheistischen Schweden, eine extrem bibeltreue und kreationistische Vereinigung, die sogar “Schüler” aus Deutschland anzieht.

Die Debatte um Intelligentes Design (ID), ein Versuch, Kreationismus in ein wissenschaftliches Gewand zu kleiden, wird in den USA viel heftiger geführt als in Europa, auch wenn solcher Unsinn hier keineswegs eine geringe Rolle spielt: Laut einer Umfrage in England halten nur 48% der Leute Evolution für die richtige Erklärung für die Entstehung des Lebens, gegenüber 39%, die Kreationismus bzw. ID antworteten (Quelle).

Eines der “Argumente” der ID-Gläubigen ist, dass Evolution “nur eine Theorie” sei und deswegen nur eine von vielen möglichen Theorien. Ersteres ist prinzipiell richtig, aber es wird dabei völlig verschweigen, dass der Begriff Theorie im wissenschaftlichen Zusammenhang anders verwendet wird als im normalen Sprachgebrauch. Mit Theorie werden in der Wissenschaft oft die am besten getesteten und erfolgreichsten Konzepte bezeichnet, im Gegensatz zu Hypothese, das eher die Unsicherheit und Vorläufigkeit der Theorie im normalsprachlichen Sinn wiedergibt.

Es ist also ein inhaltsloses Argument gegen Evolution und spiegelt auch ein generelles Unverständnis des Wissenschaftlichen Prozesses wieder. Auch wenn eine gängige Theorie (noch) nicht alles erklären kann, gibt man sie nicht auf, bis jemand mit einer besseren aufwartet. Diese muss allerdings auch wirklich die bisherige Theorie übertreffen und das ist in Anbetracht des immensen Erfolges der etablierten Wissenschaft ein schwieriges Unterfangen. Das genannte Beispiel “Intelligent Design” ist eben gerade kein solcher Fall, denn es hat als Alternative zu Evolution keinerlei Erklärungspotential.

Der eingentliche Grund, warum ich all das schreibe, ist, dass es jetzt auch die “Theorie” vom Urknall (Big Bang), also der Entstehung des Universums getroffen hat. Ein übereifriger Funktionär der Bush-Regierung will der NASA verbieten, den Big Bang als eine Tatsache darzustellen. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich darüber totlachen.

Nachtrag: Oben genannter DerUrknallIstNurEineTheorie-Mensch musste eben seinen Hut nehmen weil er in seinem Lebenslauf gelogen hat.

(Ed: Dieser Text wurde zuerst auf blogressiv.de veröffentlicht und dort finden sich eventuell weitere Kommentare.)