Kritik

Artikel mit dem Schlagwort Kritik.

Ich finde es schön, dass meine alte Heimatstadt Aschaffenburg häufig im Zusammenhang mit Religionskritik auftaucht. Zuletzt war da das eifrig berichtete und viel diskutierte Kinderbuch “Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel”

Einen kleinen Blick hinein werfen kann man in der Bildergalerie der SZ, deren Bildunterschriften auch gleichzeitig zeigen, wie schnell der Versuch, Kinder religiösen Autoritäten gegenüber skeptisch zu stimmen, als Hetze verunglimpft wird.

Mehr Info und eine Unterschriftenliste gegen die beantragte Indizierung des Buches gibt es auf ferkelbuch.de. Das Buch findet man natürlich in Buchhandlungen, man kann es aber auch direkt beim Verlag bestellen, ebenso bei den üblichen Internetversendern wie Amazon, wo es sogar auf Platz 5 der Bestsellerliste steht. Der Medienrummel scheint sich auszuzahlen.

Nachtrag 6. März 2008: Der Indizierungsantrag wurde abgeleht. Sehr schön.

Scientology macht ein Zentrum in Berlin auf und es kommen Stimmen wie die hier:

[Laut Günther Beckstein ist] Scientology keine religiöse Bewegung. “Sie ist vielmehr ein Unternehmen, dem es um wirtschaftliche und politische Macht geht. Auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse stellte in [der Berliner Zeitung] klar, dass es sich bei Scientology nicht um eine Religionsgemeinschaft handele, “sondern um ein strategisch handelndes Wirtschaftsunternehmen, dessen Ziel es ist, Macht über Menschen zu gewinnen und dabei Geld zu verdienen”. Man müsse genau aufpassen, ob Scientology missionarisch tätig werde und sich Menschen gefügig mache.

Ich finde ja auch, dass Scientologen gefährliche Spinner sind und man ihnen genau auf die Finger schauen sollte. Jedoch sind sie per Definition eine religiöse Bewegung: Sie glauben an eine völlig unglaubliche Geschichte, die sich einmal jemand ausgedacht hat. Und der Rest der Zitate trifft, finde ich, genauso auf das Christentum zu. Der einzige Unterschied ist, dass seine Erfindung etwas länger zurück liegt und dass es sich zugegebenermaßen etwas gemäßigt hat.

Im Zusammenhang mit der Opernabsetzung in Berlin aufgrund eventueller Bedrohung durch radikale Muslime erinnert die ZEIT mit dem aktuellen Leitartikel daran, wie oft in Deutschland schon Aufführungen polizeilich geschützt werden mußten – vor einheimischen Christen. Die unterschiedlichen Maßstäbe, die Politiker bei ihren Äußerungen anlegen, werden sehr schön dargelegt und das eigentliche Problem auf den Punkt gebracht:

Die Kunst ist so frei, kein Zwang zu sein. Niemand muss sich anschauen, wie Mohammed, Jesus und Buddha geköpft werden. Man muss nur damit leben (können), dass es gezeigt wird und dass es sich jemand ansieht, mit Gewinn oder um sich erst recht darüber aufzuregen.

Denn das ist die Errungenschaft, die verteidigt werden muss: dass wir im Rahmen unserer Grundrechte und Gesetze bereit sind, auch das zu ertragen, was wir persönlich unerträglich finden. Die vertrackte Dialektik der (Kunst-)Freiheit verlangt sogar noch mehr: Das Grundrecht verpflichtet uns dazu, mitunter das Unerträgliche nicht nur zu erdulden, sondern zu schützen.

Lesenswert!

Niels kritisiert den schon erwähnten Spreeblick-Artikel als “Plumpes Kirchen-Bashing”, weil die katholische Kirche in den selben Topf wie kreationistische Freikirchen geworfen werden.

Sicherlich kann man diese Unterscheidung machen, aber ich halte die Gemeinsamkeiten für groß genug, einen solchen gemeinsamen Topf zu rechtfertigen. In den dortigen Kommentaren steht mehr.

Ich bin neulich dem IBKA, dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V., beigreten. Ich mochte die Texte auf deren Webseite und war wohl gerade einmal wieder stinksauer auf irgendeinen religiösen Mist. Vor Kurzem kam dann auch Post vom IBKA und zwar gleich richtig viel. Es wäre wohl noch mehr gewesen, wenn nicht das dünne Kuvert auf dem Postweg aufgerissen wäre.

Neben der Mitgliedsurkunde lagen allerlei Broschüren, Zeitschriften und sogar ein hundertseitiges Büchlein über die Kriminalgeschichte des Christentums. Irgendwie kam ich mir vor, als ob ich in eine neue Religion eingetreten sei und gleich mit Propagandamaterial versorgt wurde: fast 30 verschiedene Dinge mit unterschiedlichem Umfang, Aktualität und Qualität. Die Broschüren, die auf Veranstaltungen von 2004 und 2005 hinwiesen, habe ich allerdings gleich entsorgt und fragte mich, was der Sinn damit war.

Die wohl wichtigsten Beilagen waren der politische Leitfaden des IBKA, die letzten drei Ausgaben des Rundbriefes und die neuesten Materialien und Informationen zur Zeit (MIZ). Keines der eben genannten habe ich bisher gelesen, dafür die Rede von James Randi, der 2004 einen Preis vom IBKA bekam.

Ausserdem im Paket waren diverse Pamphlete zur Abschaffung des §166 (Gotteslästerung) und zur Entflechtung von Kirche und Staat, sowie Material von der Giordano Bruno Stiftung und natürlich auch zum Manifest des Evolutionären Humanismus, das der Alibri Verlag herausgibt. Letzterer ist in Aschaffenburg, meiner alten Heimatstadt, ansässig und beim Blättern fiel mir auf, dass auch die MIZ (s.o.) aus Aschaffenburg kommen. Als ich noch dort lebte, hatte ich natürlich wenig Ahnung davon, dass Aschaffenburg eine Hochburg der Humanisten ist. ;-)

Es ist natürlich als Service für neue Mitglieder gedacht und gut gemeint, aber ich war schon verwundert über den Stapel mit teilweise nutzlosem Papier, der da vom IBKA zu mir kam. An Lesestoff kann es doch niemandem Mangeln, der sich mit diesen Themen auseinandersetzt. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich missioniert…

Die Links weiter unten führen zu einem äußert sehens- oder lesenswertes Interview mit Salman Rushdie, in dem das Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft diskutiert wird. Es geht um die Mohammed-Karikaturen, religiösen Fanatismus und religiöse Verzückung, das menschliche Streben nach Transzendenz und darum, wie das Konfliktpotential abgebaut werden könnte. Gegen Ende liest er ein Stück aus den Satanischen Versen, dem Buch, wegen dessen er jahrelang von Islamisten bedroht wurde.

Das Interview auf englisch dauert 57 sehr gut investierte Minuten und findet sich entweder

Richard Dawkins ist Evolutionsbiologe und unter anderem durch populärwissenschaftliche Bücher (“Das egoistische Gen”) bekannt. In einer TV-Serie für das britische Fernsehen mit dem Titel The Root of All Evil? greift er das grundlegende Problem auf, das alle Religionen gemein haben: Sie verhindern kritisches Denken und Vernunft.

Ich stimme völlig mit ihm darin überein, dass Religion und Wissenschaft einander gegenüber stehen und dass es Unsinn ist zu behaupten, dass sie nebeneinander existieren können oder sogar miteinander vereinbar sind. Die beiden bisherigen Abschnitte der Serie finden sich auf Google Video und sind ein echtes Muss:

Gestern wurden drei jungen Schweden zu Haftstrafen verurteilt, weil sie einen Anschlag auf das Gebäude von Livets Ord verüben wollten.

Aus diesem Anlass hier ein paar Worte über dieser Organisation, deren Hauptsitz Uppsala zu zweifelhafter Ehre gereicht. Der Name bedeutet “Wort des Lebens” und es handelt sich dabei um eine dieser neuapostolischen christlichen Vereinigungen mit charismatischen Predigern, wie sie in den USA stark verbreitet sind. Ein Überbegriff ist wohl Wort-des-Glaubens-Bewegung.

Natürlich geht es dabei um Geld und kräftige Spenden der Kirchgänger werden vorausgesetzt und wenn nötig per Gruppenzwang durchgesetzt. Jegliche Kritik ist selbstverständlich Satans Werk persönlich und wenn man nur macht, was der Leithammel sagt, wird alles gut. Nun könnte es einem ja prinzipiell einerlei sein, was andere Menschen glauben, solange sie einen damit in Ruhe lassen. Das Problem ist aber, dass solche Gruppen nach gesellschaftlichem Einfluss streben und diesen auch erreichen. Livets Ord unterhält zum Beispiel eigene Schulen und eine selbsternannte “Universität”. Wer mehr wissen will. kann hier weiterlesen, oder sich hier auf schwedisch weiter abschrecken lassen.

Ich halte Schweden generell für säkularer und atheistischer als Deutschland, weiss aber nicht, ob Vereine wie Livets Ord diesen Zustand ernsthaft gefährden oder nur die Ausnahme der Regel sind. Wie auch immer – es ist nicht nur schade sondern eine Schande, dass es so etwas immer noch gibt.

Der IBKA schreibt:

Gerne schmücken die Kirchen sich mit ihrem sozialem Engagement, tatsächlich schießen sie magere 1,8 % an ihre Wohlfahrtsverbände zu. Der Löwenanteil von 98 % wird aus Beiträgen, Leistungsentgelten (= Zahlungen der Krankenkassen oder Pflegeversicherung) und aus allgemeinen Steuermitteln bestritten. Nicht die Kirchen, sondern der Steuerzahler kommt für Krankenhausbau etc. auf.
Aber werden Pflege oder Kinderbetreuung dank Kirchensegen qualitativ besser? Der Hamburger Wissenschaflter Dr. Carsten Frerk ging auch dieser Frage nach – und entdeckte z.B. ein deutlich höheres Maß an Mobbing als in vergleichbaren Firmen. Auch rechtlich stellt sich die Arbeitssituation in den Kirchenorganisationen kritisch dar: die Arbeitgeber regieren ins Privatleben hinein, bis ins Schlafzimmer! Denn unverheiratete Liebschaften – egal, ob hetero- oder homosexuell – liefern einen Kündigungsgrund. Eine Scheidung ist gleichfalls Kündigungsgrund.

Das erstaunliche dabei ist wohl nicht, dass Kirchen reaktionär sind, sondern dass die Rolle der “Wohlfahrtsverbände” so wenig bekannt ist. Die kirchliche Propaganda funktioniert wohl recht gut.

Meine völlige Zustimmung findet die Stellungnahme des IBKA zu Zensurforderungen der Serie Popetown. Ein Auszug:

Besonders besorgniserregend sind Bestrebungen, den Paragraph 166 des Strafgesetzbuches zu erweitern, um in künftigen Fällen ein noch effektiveres Zensurinstrument zur Hand zu haben. Schon jetzt unterliegt dieser Paragraph der verqueren Logik, ansonsten straffreie Äußerungen – also solche, bei denen die Strafbestimmungen zu Beleidigung, Verleumdung usw. nicht greifen – dann zu kriminalisieren, wenn Gläubige gegen diese gewaltsam agieren könnten. Eine derartige Sondervorschrift, welche nicht die Androhung von Gewalt, sondern die dadurch Bedrohten bestraft, belohnt das Faustrecht von Fanatikern, hat somit in einer offenen Gesellschaft keine Rechtfertigung und gehört daher nicht auch noch erweitert, sondern endlich abgeschafft.

(Ed: Dieser Text wurde zuerst auf blogressiv.de veröffentlicht und dort finden sich eventuell weitere Kommentare.)

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